Finanzielle Learnings aus 2 Jahren vollzeitnaher Teilzeit – so geht’s zum Wunschgehalt

Ich halte eine 40-Stunden-Arbeitswoche für nicht mehr zeitgemäß und nur noch für die wenigsten Menschen bequem machbar. Wenn wir uns überlegen, dass die 40-Stunden-Vollzeit-Woche ursprünglich ausgerichtet ist auf einen Mann, der sich voll seinem Job widmen kann, da seine Frau sich im Hintergrund voll um Haushalt und/ oder Kinder kümmert, dann klingt das schon sehr nach einem Menschenbild, das heutzutage höchsten bei noch nicht-demokratischen und ihr nahestehenden Parteien salonfähig ist. Gerne wird die Schuld beim oftmals weiblichen Individuum gesucht. Aber was wäre denn, wenn mehr Menschen sich dem 40-Stunden-System entgegen stellen? Wenn wir Vollzeit in Frage stellen? Das muss man sich finanziell natürlich leisten können, und daher möchte ich euch heute ein paar Tipps mitgeben, die ich gesammelt habe in Bezug aufs Teilzeit arbeiten und wie es mit dem Wunschgehalt in Teilzeit klappt.

Wie hoch ist mein Marktwert in Teilzeit?

Ihr habt euch auf eine neue Stelle intern oder extern beworben und sollt nun euer Wunschgehalt angeben.

Beachtet dabei, dass der oder die Vorgesetzte das Gehalt immer erstmal auf Basis einer Vollzeitstelle berechnen wird, da es theoretisch ja möglich ist für euch, wieder aufzustocken. Daher ist es wichtig, diese Rechnung im Kopf oder auf Papier zu berücksichtigen und sowohl für Gehaltsanpassungen als auch neue Gehaltsverhandlungen parat zu haben.

Wie genau Ihr euer Wunschgehalt in der Bewerbung angebt (ob für 100% oder für Teilzeit), ist grundsätzlich egal, wenn nur der Bezug klar ist. Eine mögliche Formulierung wäre beispielsweise „Bei 32 Wochenstunden liegt meine Gehaltsvorstellung bei 50.000 Euro brutto pro Jahr“.

Hier empfiehlt es sich wirklich genau alles durchzurechnen. Das klingt vielleicht zunächst total logisch, aber wenn der Bezugsrahmen überall 100% ist, sind wir oftmals sehr geeicht darauf, das selbst so im Kopf zu tun – ein bisschen so wie bei Lebensmittelpreisen, wenn wie Packungsgrößen vergleichen.

Wenn Ihr also den Marktwert für neue neue Stelle recherchiert, dann wird die Basis dort natürlich immer 100% sein. Daher ist es wichtig euch klar zu machen, wie viel am Ende für euch Brutto und Netto bleibt und ob das auch der Gehaltssprung ist, den Ihr euch vorgestellt habt.

Ihr selbst solltet am Ende der Bezugsrahmen sein, nicht die Stelle oder der Markt. Wenn Ihr selbst gerne 50.000 Euro brutto verdienen möchtet auf einer 75% Stelle, dann macht euch klar, dass der Marktwert für diese Stelle auch 75.000 betragen sollte. Das ist natürlich nur ein Rechenbeispiel, aber sollte der Marktwert dann unrealistisch hoch sein in Bezug zu dem, was Ihr alles mitbringt, dann ist das ein guter Indikator dafür nochmal zu schauen, an welchen Schrauben Ihr sonst noch drehen könnt, um zu eurem Wunschgehalt zu kommen.

Wie genau formulieren ich meinen Teilzeit-Gehaltswunsch im Bewerbungsprozess?

In meinem und ähnlichen Berufsfeldern in der freien Wirtschaft scheint es gang und gäbe zu sein, dass bei Bewerbungen auf eine Vollzeit-Stelle alles bis 80% (also vollzeitnah) noch irgendwie durchgeht und Ihr auch bei der Bewerbung nicht direkt aussortiert werdet. In meinem Fall sind das 32 Stunden, viele berichten von 35 Stunden, auch 30 Stunden kommt vor. Alles darunter wird, sagen wir mal, schwierig, aber nicht unmöglich. Ich habe von einer Bewerberin gehört, die „sich nicht vorstellen konnte, mehr als 25 Stunden zu arbeiten“. Auch sie ist im Prozess geblieben. Ich finde das übrigens cool – gut wenn man seine Wünsche so direkt äußert, sodass das auch langsam bei den Arbeitgeber:innen ankommt (und man sich das leisten kann).

Zunächst schreibt Ihr euren Stundenwunsch am besten besten direkt mit in die Bewerbung hinein oder teilt dies der Personalabteilung am Anfang des Prozesses mit. Dies ist wichtig, da die andere Seite sonst fälschlicherweise davon ausgeht, Ihr möchtet Vollzeit arbeiten und im schlimmsten Fall beide Seiten Ihre Zeit verschwenden. Der oder die Arbeitgeber:in hat auch nichts davon, wenn Ihr in Teilzeit anfangt und dann nach der Probezeit überraschend reduziert, oder Ihr seid unglücklich, weil der Workload in Teilzeit einfach nicht zu schaffen ist.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass am Ende der oder die Hiring Manager:in euer Gesamtpaket in die Waagschale wirft. Im Zweifel kann das zu eurem Nachteil (sprich Ablehnung) sein – aber natürlich ist es wichtig für beide Seiten mit offenen Karten zu spielen.

Wichtig ist ebenfalls, dass Ihr Gesprächsbereitschaft signalisiert und Grenzen zunächst einmal für euch selbst deutlich macht. Eventuell bietet es sich an, während der Probezeit erstmal Vollzeit zu starten (Ist das bei euch möglich? Und vor allem, wollt Ihr das?), oder aber schon Teilzeit einzusteigen um direkt zu schauen, wie das in der neuen Firma funktioniert.

Teilzeit beginnt im Kopf

Ich muss gestehen, ich finde es gar nicht so einfach zu sagen, dass ich Teilzeit arbeite. Klar, ich arbeite 4 Tage in der Woche – aber Teilzeit? Empfinde ich als eine Referenz auf einen veralteten Bezugsrahmen, hinter dem ich nicht stehe, und auch als gesellschaftliche Abwertung – bzw. als eine Abweichung von der Norm, für die man sich erstmal rechtfertigen „soll“. Teilzeit bedeutet ja erstmal nur, dass ich nicht der Norm entsprechend erwerbstätig bin. Wie viel ich arbeite, ist damit nicht gesagt – da Care-Arbeit, Ehrenamt, Weiterbildung, gesellschaftliche Tätigkeiten, körperliche und psychische Grenzen und all dies nicht eingerechnet werden. Wenn überhaupt, sage ich „vollzeitnah“.

Ich habe von Anfang an auf allen Formularen immer „Vollzeit“ angegeben. Mein Gedanke dahinter: ich sehe bei anderen auch nicht, ob dahinter 35 Stunden oder 72 Stunden stecken. Eigentlich sollte das egal sein, es geht auch niemanden etwas an und ich finde solche Kategorien mehr als überflüssig in der aktuellen Form.

Ich fände es gut, wenn die Arbeitszeit ein Spektrum wäre, wo jede Person sich gemäß ihrer Fähigkeiten, Neigungen und persönlicher Situation einbringt. Niemand sollte sich rechtfertigen müssen, wo oder wie lange er oder sie erwerbstätig ist. Idealerweise könnten wir alle von unserem Gehalt leben oder könnten unser Leben so gestalten, dass es möglich ist.

Am Ende ist alles eine Frage der Prioritäten. Woher genau kommt der Wunsch nach meinem „Wunschgehalt“? Ist mir mein Wunschgehalt wert die Prioritäten aufzugeben, die ich aktuell setze, oder geht das eventuell sogar zu Lasten meiner Gesundheit? Bin ich aktuell in der Lage, meine Komfortzone verlassen und eine Weiterbildung oder einen Jobwechsel stemmen? Wenn ja, dann nur Mut und los!

Denn bei allem gilt: Ihr seid der Bezugsrahmen. Es ist euer Leben. Um es mit Maja Göpels Worten zu sagen: »Zu viele Leute geben Geld aus, das sie nicht haben, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um damit Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen.«

Foto: @Sigmund bei unsplash.com

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