Mein feministischer Jahresrückblick 2021

Dies soll kein klassischer Jahresrückblick werden – ich finde für 2021 sagt ein Bild mehr als tausend Worte und Katja Berlin hat dies bereits hervorragend auf den Punkt gebracht hier oder hier.

Vielmehr hat mich die Frage meiner Kollegin Maike in einer Runde zum Nachdenken gebracht, ob wir dieses Jahr feministische Bücher gelesen haben. Denn tatsächlich habe ich mich dieses Jahr unter anderem mit einigen Klassikern feministischer Literatur (und einem bunten Blumenstrauß an gesellschaftspolitischen Themen) beschäftigt.

Eine Reise in die Vergangenheit: Studienzeit

Vielleicht wissen einige von euch, dass ich mal Anglistik und Romanistik studiert habe – ein Studium, das ich geliebt habe und mich aufblühen ließ, das aber leider nicht zu einem von mir erwünschten Beruf führte. Mittlerweile bin ich sehr im Reinen mit meinem vermeintlich nutzlosen geisteswissenschaftlichen Studium – nicht zuletzt deswegen, weil es mir das Privileg ermöglichte, fließend Englisch zu sprechen. Dies hat mir zum einen wissenstechnisch eine ganz andere Welt eröffnet, und durch Fanfiction tatsächlich auch eine ganz andere Repräsentation queerer Identitäten).

Jedenfalls wurde mir nicht erst dieses Jahr bewusst, wie unglaublich männlich dominiert der Literaturkanon in Schulzeit und Studium gewesen war…

Der englische Literaturkanon

Im englischen Literaturkanon sah es oberflächlich betrachtet nicht so schlecht aus. Ich hatte einen Kurs namens Gender Studies und hatte zumindest die Brontë Schwestern, Jane Austen, Mary Shelley und etwas „Postmodern feminist fiction“, womit ich damals erstmal wenig anfangen konnte, gelesen. Aber wie konnte es sein, dass Virginia Woolf komplett an mir vorbeigegangen war? Der Vorteil, wenn man 20 Jahre nach Studienbeginn sich nochmal in ein Thema vergräbt, ist dass soviel mehr gute Sekundärliteratur leicht verfügbar ist. Nach etwas Recherche zu Leben und Werken hab ich beschlossen, mit dem Essay „A Room of one’s own“ von 1929 zu beginnen.

Die Verbindung zum Thema Finanzen

Womit wir tatsächlich auch irgendwie beim Thema Finanzen wären. Eine der zentralen Thesen von Woolfs Essay ist nämlich, dass die mangelnde Repräsentation von Frauen in der englischen Literatur nicht vorrangig in der benachteiligenden Rechtslage lag (beispielsweise wurde das Frauenwahlrecht in Großbritannien am 2. Juli 1928 eingeführt), sondern viel mehr noch an den gesellschaftlichen Zwängen, die Frauen in die Familien- und Mutterrolle drängen. Woolf macht deutlich, dass intellektuelle Freiheit an materiellen Dingen hängt: Wer nicht über bestimmte finanzielle Mittel verfügt und ein abschließbares Zimmer für sich, hat auch nicht die Möglichkeit kreativ zu sein. Wie viel kreativer hätte Jane Austen vielleicht sein können, hätte sie nicht immer nur umgeben von Familienmitgliedern schreiben können? Virginia Woolf erfindet eine fiktive, talentierte Schwester von William Shakespeare namens Judith Shakespeare und zeigt exemplarisch, dass sie aufgrund ihres Geschlechts keinerlei Möglichkeiten hatte, selbst als Schriftstellerin zu leben, was immer sie auch probiert.

Das System, das Frauen systematisch zum Schweigen bringt

Tatsächlich sind diese beiden Themen – ein abschließbares Zimmer und eigenes Geld (Woolf spricht von 500 Pfund im Jahr – was heute etwa 36.000 Euro entspricht) – im Text aber nur untergeordnete Punkte. Vielmehr werden große Themen und Zusammenhänge geöffnet, wie das patriarchale System, das Frauen systematisch zum Schweigen brachte. Die wirklich großen Fragen nach weiblicher Literatur lässt Virginia Woolf in ihrer ganzen Komplexität bewusst offen.

Virginia Woolf – Parallelen zu heute

Wenn man den Bogen zu heute schlägt, ist das Konzept des abschließbaren Zimmers sicherlich etwas aufgeweicht, aber wir können auch hundert Jahre später noch viele Parallelen, selbst in der weißen gehobenen Mittelschicht, sehen. Ich musste direkt daran denken, wie Mareice Kaisers ausgezeichneter Essay „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ beginnt mit den Worten „Dieser Text entsteht als Sprachnachricht auf dem Fahrrad, ich fahre vom Büro zur Kita“ und wunderbar aufzeigt, was auch heutige Frauen mit den Frauen im 20. Jahrhundert in England verbindet – vor allem auch was die psychologischen Aspekte des Patriarchats betrifft.

Auf jeden Fall werde ich mich weiter mit den Werken von Virginia Woolf beschäfttigen. Ich habe eine großartige Audioversion ihrer Werke, gesprochen von Tilda Swinton, gefunden, die mir sicherlich über den einen oder anderen Regentag hinweg helfen wird.

Der französische Liraturkanon: Sartre, Sartre und immer wieder Sartre

Wenn ich nun auf mein Romanistik-Studium zurückblicke, kann ich die Lage nur als desolat beschreiben. Nun war ich zwar von je her immer eher Linguistin als Literaturwissenschaftlerin, aber ich finde es schon bezeichnend, dass ich kein einziges französisches Werk einer Frau gelesen hatte. Schon zu Schulzeiten hatte ich mehrere Werke von Sartre gelesen, aber von Simone de Beauvoir hatte ich höchstens im Zusammenhang mit Sartre gehört. Dabei war eines der wichtigsten philosophischen und feministischen Werke („Das andere Geschlecht“, 1949) quasi unentdeckt die ganze Zeit vor meiner Nase gewesen. Interessanterweise beschreibt Margarete Stokowski ein ähnliches Phänomen für 17 Semester Philosophie-Studium in einem lesenswerten Artikel über Simone de Beauvoir hier. Jedenfalls habe auch ich mich dieses Jahr endlich etwas eingehender mit Simone de Beauvoir beschäftigt.

Simone de Beauvoir: Ein modernes Leben

Das Werk „Das andere Geschlecht“ habe ich zugegebenermaßen nicht gelesen (wer nimmt sich in diesen Zeiten schon Zeit für einen 900-Seiten-Schinken? Hier bei Literaturlärm gibt es eine hervorragende Zusammenfassung der wichtigsten Punkte sowie eine zeitgenössische Bewertung auf Youtube), aber ich lese gerade eine hervorragende neue Biografie von ihr. Auch wenn ich erst am Anfang vom Buch bin, finde ich es sehr spannend, wie die Autorin Kate Kirkpatrick versucht, gerade die bis dato unbekannten Lücken zu füllen, die Simone de Beauvoir mitunter bewusst ließ, und die genau dieses Dilemma aufzeigt, dass Simone de Beauvoir vor allem über Sartre definiert wurde, als hätte sie nicht selbst genügend zu sagen gehabt und als wäre nicht Buch nicht auch heute immer noch wegweisend und prägend für den Feminismus.

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“

Simone de Beauvoir unterschied als Erste zwischen biologischem Geschlecht (englisch „sex“) und sozialem Geschlecht (englisch „gender“). Sie vertrat die These, dass die Unterdrückung der Frau gesellschaftlich bedingt sei und von ihr stammt das berühmte Zitat „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ – womit sie ausdrücken will, dass es keine rein biologische, sondern eine soziale Tatsache ist, eine Frau zu sein. Interessant ist dabei, dass sie sich mit den Machtstrukturen auseinandersetzte, die bei der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern wirkten, lange bevor vielen andere es taten. Damit war sie ihrer Zeit weit, weit voraus.

Simone de Beauvoir – Vordenkerin des Feminismus

Männer sind die Norm, die Frauen nur das „andere“ Geschlecht (im Original „Le deuxième sexe“ spricht sie wörtlich vom „zweiten“ Geschlecht). Auch wenn ihr Werk heute vielleicht altbacken anmuten mag und manche Dinge heute selbstverständlich sind, so hat sich die generelle Denkweise bis heute leider dennoch nur wenig verändert – wir merken dies vor allem am Gender Data Gap, den jüngst Caroline Criado Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen“ sichtbar machte (einen guten Überblicksartikel zum Thema, allerdings mit Fokus Schweiz, findet Ihr hier).

Die unterlegene Frau

Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, wie unterschiedlich das Werk in verschiedenen Ländern rezipiert wurde. In Frankreich wurde das Werk regelrecht klein gemacht und abgewertet – und damit trat eigentlich genau all das ein, was Simone de Beauvoir in ihrem Werk beschreibt. Ihre Konzepte wurden vielfach Sartre zugeschrieben (der im übrigen Frauen selbstverständlich als „unterlegen“ ansah), und erst später wurde aufgearbeitet, dass Sartre tatsächlich viele Ideen und Konzepte von ihr übernahm, was aus alten Tagebucheinträgen Simone de Beauvoirs hervorging.

Nochmal: das System, das Frauen zum Schweigen bringt

Interessant fand ich ebenfalls, dass die englische Übersetzung (1953) lange Zeit nur in stark gekürzter und unqualifizierter Übersetzung zur verfügung stand. Dadurch wurden ihre Thesen stark abgeschwächt und teilweise über Jahre hinweg in der Fachwelt nicht richtig rezipiert (erst 2009, mehr als fünfzig Jahre später, wurde das Werk erneut ins Englische übersetzt). Auch dies war sicherlich ein Grund dafür, dass das Werk eine größere Verbreitung finden konnte. Hier finden wir zudem ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie Frauen systematisch zum Schweigen gebracht werden können.

Lohnt sich die Lektüre von Klassikern heute noch?

Interessant finde ich, dass beide Autorinnen bzw. diese beiden Werke, obwohl vor längerer Zeit geschrieben, doch immer noch große zeitgenössischen Wert aufweisen. Die Debatten haben sich selbstverständlich weiterentwickelt, die Themen allerdings – meinem Empfinden nach nur wenig. Je mehr ich in die Themen eintauche, desto deutlicher erkenne auch ich den Ursprung einiger feministischer Themen. Es lohnt sich daher für mich auf jeden Fall, und ich werde mich mit beiden Frauen sicherlich noch weiter beschäftigen.

Meine Top 3 Highlights: Podcasts und Bücher

Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, kann ich sagen, dass ich einige wirklich spannende Themen, Bücher und Podcasts entdeckt habe.

Das waren meine Top 3 Bücher-Highlights:

  1. Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. Mein persönliches Buch des Jahres, das ich sofort kaufen musste, als ich dieses unsägliche unerträgliche Interview mit der wirklich coolen und großartigen Maja Göpel – Politökonomin, Nachhaltigkeitsforscherin und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung – gesehen habe. Ihr Buch ist eigentlich als Plädoyer für eine Generalüberholung unseres Wirtschaftssystems zu verstehen. (Hier geht’s zum Buch)
  2. Carolin Kabekus und Mariella Tripke: Es kann nur eine geben. Tatsächlich war dieses Buch soviel mehr und soviel besser, als ich erwartet hatte. Alles sehr Daten- und Fakten-basiert, aber schönerweise immer auch mit einer gehörigen Portion Satire und Unterhaltungswert. (Hier geht’s zum Buch)
  3. Julia Friedrichs: Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. Das Buch begleitet 3 Menschen der neuen „Arbeiterklasse“, d.h. diejenigen die seit den 1980er Jahren aufgewachsen sind und die im Niedriglohnsektor, prekären Arbeitsverhältnissen oder mit geringer Qualifikation trotz Job keinen gesellschaftlichen Aufstieg schaffen können. (Hier geht’s zum Buch)

Das waren meine Top 3 Podcast-Highlights:

  1. Keine zwei Männer: Jeannine Michaelsen (Moderatorin und Lebefrau) und Mariella Tripke (Autorin und Mensch) sind gute Freundinnen (und auch von Carolin Kebekus). Sie unterhalten sich wie ganz normale Menschen über gesellschaftliche und politische Themen und was sie sonst so, neben menstruieren, beschäftigt. (Hier geht’s zum Podcast)
  2. Dissens: Lukas Ondreka spricht einmal die Woche mit schlauen Menschen über alles, was in unserer Gesellschaft falsch läuft. Denn: Kritisieren was ist, heißt sagen was geändert werden muss. Ein Podcast für kluge Denkanstöße. (Hier geht’s zum Podcast)
  3. Diskursionen: Noah Klaus und Jean-Philippe Kindler (Noah studiert Kulturwissenschaft, Jean-Philippe Soziologie und Politikwissenschaft) präsentieren eine politische Rückschau anhand der wichtigsten Twitter-Diskussionen der Woche. Welche Hashtags gehen viral? Wo entlädt sich der wöchentliche Shitstorm? Kennen gelernt haben sie sich auf der Bühne – Unterhaltungsfaktor ist also garantiert. (Hier geht’s zum Podcast)

(Obwohl ich hier ehrlich sein muss, mein Spotify Jahresrückblick sagte mir, dass ich am meisten Podcast-Zeit verbracht habe mit dem Wirecard-Skandal in „1,9 Milliarden Lügen“)

Anyway, auf ein spannendes 2022!

Bildquelle: https://unsplash.com/@hannaholinger

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