4-Tage-Woche: Mein Erfahrungsbericht nach 6 Monaten

Fast immer wenn ich erzähle, dass ich nie mehr als 2 Tage am Stück arbeite, weil ich den Mittwoch frei habe, höre ich von meinem Gegenüber: „Oh, das würde ich auch gerne!“

„Warum machst du es dann nicht?“, frage ich dann.

Die meisten lachen dann verlegen. So wichtig ist es ihnen dann wohl doch nicht.

Aber… warum nicht mal das Gedankenexperiment wagen?

Noch vor einem Jahr war das für mich auch kein Thema. Als ich mal mit meinem Teamkollegen sprach, der bereits seit Jahren mittwochs frei hat, um eigenen Projekten nachzugehen, konnte ich mir das nicht vorstellen. Ich ging doch gerne zur Arbeit. Geld war mir wichtig. Aber das muss nicht im Gegensatz zueinander stehen.

Weiter, immer weiter

Wann fing ich an, meine Meinung zu ändern? Als ich während einer Woche Urlaub nur damit beschäftigt war, meine Todo-Liste abzuarbeiten und keine Minute mal für mich zu haben, ist bei mir irgendwo eine Sicherung durchgebrannt. Dass ich viel arbeitete, habe ich nie hinterfragt. Ich wollte ja immer weiterkommen und mich weiter entwickeln. Ich bin 7 Jahre lang gependelt und war während dieser Zeit quasi dauermüde. Ich habe neben Vollzeitjob und Pendeln ein berufsbegleitendem Studium gewuppt – und noch mit bester Projektarbeit abgeschlossen. Dann endlich vor vier Jahren beruflich in Köln angekommen, endlich ohne die elendige Pendelei. Dennoch: Ehrenamtliches Engagement begleitete mich häufig durch die Woche – denn irgendwo will ja auch das Thema „Sinn“ untergebracht sein.

Das Maß ist voll

Als ich dann das im Rahmen des Projektes „Desin Thinking fürs Leben“ feststellte, dass das Thema Arbeit bei mir (im Gegensatz zu den Themen „Liebe“, „Spiel“ und Gesundheit“) überproportional voll war, wurde mir klar: es ist genug. Ich wollte und brauchte dringend mehr Zeit für mich und mein Privatleben. Ich musste also einen radikalen Cut machen. Möglichkeiten um Arbeit zu reduzieren, gab es nicht nur im Ehrenamt, sondern auch im bezahlten Job. So habe ich beschlossen, nicht nur mein Mandat als Vereins-Vorständin nicht zu verlängern, sondern auch meinen 40-Stunden-Vollzeitjob auf 80% zu reduzieren.

Was kostet ein freier Tag?

Tatsächlich ist die Kosten-Nutzen-Rechnung relativ simpel und lässt sich konkret in Euros beziffern. Ein Tag mehr Freizeit in der Woche kostet euch etwa 20% eures Vollzeit-Gehalts. Ich schreibe bewusst „etwa“, denn arbeitsrelevante Kosten wie z. B. das Bahn-Abo reduzieren sich logischerweise nicht.  Ob sich das für euch lohnt, das muss natürlich natürlich jede:r einzelne für sich selbst evaluieren.

Ich gebe offen zu, dass ich mich damit sehr schwer getan habe. Ich habe schon ziemlich geschluckt, als ich mir das ganze ausrechnete. Wollte ich wirklich gehaltlich zurückgehen, wo ich doch endlich bei einem akzeptablen Niveau angekommen war?

Weil ich es kann!

Tatsächlich musste ich mir eingestehen, dass das ein Luxus-Problem war. Ich konnte mir das leisten und es würde nichts, aber auch gar nichts, an meinem Lebensstandard ändern. Meine Lebenshaltungskosten sind für eine Großstadt überschaubar. Ich habe kein Auto, lebe zu zweit in einer nicht überteuerten 2-Zimmer-Mietwohnung, habe keine Kinder und leiste mir keine teuren Urlaube oder Möbel. Das einzige, was sich ändern würde, wäre meine Sparquote.

Also hab ich’s einfach gemacht. Weil ich es konnte.

Mittwochs ist sie nie da: nie länger als 2 Tage am Stück arbeiten

Mein Chef war sehr überrascht von meinem Wunsch, aber tatsächlich war es überhaupt kein Problem. Ich habe mir dann überlegt, welchen Tag ich wähle. Da ich keine Kurztrips oder ähnliches unternehme und meine Partnerin oft am Wochenende arbeitet, hätten mir Montag oder Freitag keinen Mehrwert gebracht. So erschien mir der Mittwoch attraktiv: nie länger als 2 Tage am Stück arbeiten! Diese Struktur passte zudem hervorragend in mein Team, da mein Kollege ja ebenfalls mittwochs frei hat. Also gesagt getan: Mein Arbeitsvertrag wurde geändert und seit Januar diesen Jahres heißt es: Mittwochs ist sie nie da.

Das Coming Out –  und die Reaktionen der anderen

Die Neuigkeit wurde einmal im Team verkündet, ich habe relevante Kolleg:innen informiert, und das war’s dann auch schon.

In der Familie kam die emotionalste Reaktion von meinem Vater, der die letzten 30 Jahre seines Berufslebens gependelt ist und vor einigen Jahren einen Herzinfarkt erlitt– bei ihm habe ich daher hautnah mitbekommen, welchen Stress Arbeit verursachen kann.

Die Reaktionen von Freund:innen waren gemischt – einerseits Freude für mich, andererseits Unverständnis – so wie ich damals meinem Teamkollegen gegenüber. Viele sagten „Oh das würde ich auch gerne“. Die meisten wollen wissen, was ich denn an meinem freien Tag mache.

Meine Pläne für den freien Mittwoch

Eine Antwort auf diese Frage hatte ich nicht. Das war nämlich der Punkt: ich wollte keine Pläne machen. Ich hatte die Nase gestrichen voll von durchgetakteten Tagen und freute mich darauf, keine Todo-Liste abarbeiten zu müssen und nicht viele Termine zu haben.

Außerdem dachte ich mir: wenn ich rausfinden will, was ich tun will, muss ich einfach auf das schauen, was ich tue. Und das tat ich.

Und was mache ich wirklich mit meiner gewonnenen Zeit?

Meistens formuliere ich nicht das so klar, aber tatsächlich ist es ein wichtiger Punkt für mich: Ausschlafen! Als Nachteule liebe ich flexible Arbeitszeiten und ein Arbeitsbeginn ab 10 Uhr (wir haben Kernarbeitszeit von 10 bis 16 Uhr) passte immer gut in meinen Biorhythmus. Leider hat es sich arbeitstechnisch ergeben, dass ich an meinen 4 Arbeitstagen zweimal um 9 und zweimal um 9:30 mit Meetings anfange. Um da fit zu sein, musste ich entsprechend früher aufstehen – zumal durch die Pandemie der Weg in die Küche aka mein Homeoffice nicht annähernd lang genug war um wach zu werden. Leider bin ich abends nicht früher eingeschlafen. Ich habe daher den Mittwoch wirklich zum Regenerieren gebraucht. So konnte ich an den anderen Wochentagen bei der Arbeit zumindest gut funktionieren.

Ansonsten versuche ich das Wochenende zu entzerren und erledige Dinge, die ich sonst Samstags gemacht habe, wie Einkaufen oder Frisör. Gerade wenn auch noch Krankheit in der Familie dazu kommt, ist diese Entzerrung Gold wert für mich. So habe ich insgesamt mehr Zeit für meine Partnerin, was ja auch mein Wunsch war.

Außerdem lese ich viel und mache gerade eine Zusatzausbildung als systemische Coach / Change Managerin. Da die Module am Freitag und am Wochenende sind, bin ich auch hier sehr dankbar dafür, dass zumindest der Mittwoch frei ist.

Was hat sich verändert?

Bei der Arbeit war es zu Beginn schon eine Herausforderung. Anfangs konnte ich nicht so gut einschätzen, wie viele Projekte ich händeln kann. Ich musste mich deutlich besser organisieren und abstimmen mit meinen Kolleg:innen, sodass mein freier Tag für unsere gemeinsamen Projekte bestmöglich genutzt wird. Ich habe aber den Eindruck, dass ich insgesamt besser organisiert und fokussiert bin. Dennoch: Die Zeit, in der ich mich – gerade mit Frühaufsteher- -Kolleg:innen abstimmen kann, ist dadurch noch kürzer geworden. Meine Dienstage und Donnerstage sind oft lang, weil ich Sachen noch zu Ende bringen will (und abends gut im Flow bin) und weil viele Freitags nicht so lange verfügbar sind wie ich. Aber das ist OK für mich – solange gut kommuniziert wird, ist alles machbar.

Was das Thema „Zeit für mich“ angeht, so habe ich so viel gelesen wie seit Jahren nicht mehr. Als Jugendlich und als Studentin habe ich eigentlich immer viele Bücher verschlungen, aber mit dem Eintritt ins Berufsleben änderte sich das aufgrund meiner Dauermüdigkeit schlagartig. Als ich irgendwann nicht mehr müde war, hatte ich keine Zeit mehr fürs Lesen. Zwar war ich auch sonst in der Bahn oder beim Einkaufen nie ohne Audiobook auf den Kopfhörern anzutreffen, aber ich habe entweder News-Podcasts oder Business-Literatur gelesen bzw. gehört. Das tue ich zwar jetzt auch noch, aber mein Spektrum an Büchern ist wieder vielfältiger geworden – und nicht mehr so „ernst“. Das macht mir auf jeden Fall viel Freude!

Wo ist der Haken?

Ich will nicht verschweigen, dass es auch einige negative Punkte gibt. Die Welt ist nicht für uns gemacht: die Introvertierten, die Nachteulen, die Homosexuelle, die Frauen, … und auch die  Teilzeitarbeitenden!

Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass meine Arbeitszeit nun als „teilzeit“ angesehen wird. 32 Stunden – ich finde das ziemlich „vollzeitnah“ und benenne das auch so. Es fühlt sich jedenfalls nicht nach Teilzeit an. In den Augen anderer ist es das aber. Auch wenn sich einerseits die reduzierte Arbeitszeit für mich toll anfühlt, nehme ich doch das Stigma wahr, das damit einhergeht und das sonst hauptsächlich Mütter trifft. Gerade wenn es um die Verteilung von Projekten geht oder um die Vertretung des Chefs sind 32 Stunden eben „nicht immer verfügbar“.

Ich denke, dass es hier noch viel Vertrauen der Menschen und auch Erfahrungen mit „New Work“ Arbeitsmodellen braucht.

Aber: es braucht auch einen Willen zum Umdenken der Arbeitgeber:innen – denn selbst in einem ansonsten flexiblen Unternehmen kann oftmals eine Führungsposition nur in Vollzeit ausgeübt werden.

Mein Fazit: „Teilzeit“ ist das neue Vollzeit

Ich wünsche mir, dass sich alte Denkmuster langsam aufbrechen und dass es mehr Vorbilder mit flexiblen Arbeitsmodellen gibt. Und dass mehr Menschen und Unternehmen erkennen, dass 40-Stunden-Wochen nicht das Maß aller Dinge ist – Teilzeit ist das neue Vollzeit. Ob für Eltern oder für Führungskräfte, die Stigmatisierung sollte ein Ende haben.

Stattdessen könnten sich – frei nach Frithjof Bergmann, Urvater des New Work – alle, die sich das leisten können, fragen: „Wie viel will ich wirklich, wirklich arbeiten?“ Und ebenso: „Was will ich wirklich?“

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich mir gerade nicht vorstellen kann, wieder mehr als 2 Tage am Stück arbeiten zu wollen. Für mich passt die aktuelle Situation zum Leben. Mittlerweile habe mich auch mit meinem neuen alten Gehalt arrangiert, weil ich merke, dass mir der freie Tag das wert ist. Mein Ziel ist es trotzdem, wieder mindestens an mein altes Gehalt zu kommen, und dabei nicht mehr als jetzt zu arbeiten.

Abschließend möchte ich den Zukunftsforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt zitieren:

„Eigentlich müssten wir weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen und dafür mehr Zeit für Ehrenämter, Selbstverwirklichung oder Familie haben.“

Amen.

 

Foto: CandiceP bei Pixabay

3 Gedanken zu “4-Tage-Woche: Mein Erfahrungsbericht nach 6 Monaten

  1. Ingrid Ludwig

    Super Bericht, sehr interessante Ansätze.
    Die 32 Stunden „teilzeit“ ist tatsächlich ziemlich „vollzeitnah“ und sollte so angesehen werden und in der Gesellschaft mit mehr Akzeptanz angenommen werden, es sollte viel normaler sein. In der Zukunft wird es sicher fast nur noch solche Arbeitsmodelle geben.

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  2. Ein sehr interessanter Bericht. Geträumt habe ich davon schon oft, allerdings schreckt mich auch die Gehaltseinbuße ab. Man müsste es eben mal rechnen (lassen). Müttern wird Teilzeit ja sofort angeboten, da fragt oder wundert sich keiner. Aber sonst kann ich mir kaum vorstellen, dass mein Arbeitgeber da so einfach mitgeht, der neigt auch bei anderen Dingen nicht gerade zu Flexibilität. Aber nach dem Bericht steht es mir nun wieder ganz verlockend vor Augen.

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