Aus Marie wird Jonas – mein Wochenende als Mann

Je mehr man sich wie ich mit vermeintlichen Frauenthemen und Feminismus beschäftigt, wird klar, dass es immer gesamtgesellschaftlichen Themen sind und es nicht ausreicht, diese in der eigenen queer-feministischen Bubble zu diskutieren. Männer sind ein entscheidender Teil davon – ein bedeutender Teil des Problems, aber ebenso Teil der Lösung. Zeit also, dass ich mich mehr mehr mit Männern beschäftige 😉 Und Zeit, mal eine andere Perspektive einzunehmen. So habe ich mich spontan bei einem Dragking-Workshop angemeldet.

Dragking, häh?

„Drag“ heißt „dressed as a guy“, oder eben „dressed as a girl“ bei Dragqueens. Ich will also ein Wochenende als Mann verbringen.

Meine Erwartungen sind, sagen wir mal, nicht sehr konkret. Ich erwarte dass Frauen mir auf der Straße wahrscheinlich ausweichen würden. Dazu gibt es einige Videos im Netz. Aber sonst? Auf alles weitere bin ich einfach nur neugierig.

Erste Mission: Männer beobachten

Der She’s the Man Workshop bei der großartigen Steffi Weber beginnt erstmal gemächlich. Nachdem wir typisch männliche und typisch weibliche Stereotype aufgelistet haben, lautet unsere erste Mission: Männer beobachten. Wie sehen sie aus, wie gehen sie, wie verhalten sie sich? Ich beobachte also Männer in der Dönerbude und in der Fußgängerzone und komme mit vielen Eindrücken zurück, die sich mischen mit meinen Erfahrungen im Job, wo ich nicht selten die einzige Frau im Raum oder Team bin. Noch habe ich keine Idee, wie ich das umsetzen soll.

Ich habe auch überhaupt keine Idee, wie ich als Mann aussehen werde. Zum Glück ist das nicht wirklich ein Problem, denn mein Aussehen als Mann wird maßgeblich davon bestimmt, welche Klamotten ich mir auf Freeyourstuff besorgen konnte und was so zusammenpasst. So werde ich an diesem Wochenende zu meinem Alter Ego Jonas und sehe aus wie ein Hipster-Bubi.

Gestatten: Jonas, Hipster-Bubi

Klamotten, Ausstattung in der Hose und Schminke mit Bart sind das eine.
Erstmal fühlt es sich nicht so schlecht an. Die Jeans ist bequem weit, nicht so eng wie meine eigenen Jeans. (Und es passen endlich Sachen in die Taschen! Handy, Schlüssel, Stehlampe…) Damit es echt aussieht, ziehe ich die weite Jeans soweit runter wie möglich, bis es schon nicht mehr so bequem ist. Meine mit einem wattegefülltem Kondom ausgestopften Boyshorts fühlen sich nach Fremdkörper an. Leider reicht der Sport-BH zum Kaschieren nicht aus, und so muss meine Brust etwas professioneller mit Verband abgebunden werden. Ich kann gerade noch atmen. Das Ergebnis aber ist verblüffend. Klar sieht man meine Brüste noch, aber unter dem Pulli achtet wirklich niemand darauf – der Fokus ist einfach woanders. Dann werde ich sorgfältig geschminkt, ein paar Konturen hier und da, und ich bekomme Bartstoppeln aus Wollkrepp.

Mein Bart ist meine Rüstung

Meine Verkleidung gibt mir etwas Schutz und Sicherheit. Der andere Teil aber ist schwieriger: Verhalten, Gestik und Mimik, Sprache und Körperhaltung. Wie ich schaue, wie ich kommuniziere, wie meine Körperhaltung und mein Gang sind.

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Ich lerne: Nimm verdammt viel Raum ein – Beine breit, Brustkorb raus, Arme bloß nicht dicht am Körper. Außerdem: Immer nach oben schauen, halte den Blick niemals gesenkt. Schaue Menschen höchstens 2 Sekunden an, alles andere signalisiert Interesse. Kommuniziere in kurzen, abgehackten Sätzen, bloß nicht fragend. Wir üben, wie wir richtig sitzen und wie wir ohne Kollision an Männern vorbei gehen, in dem wir im letzten Moment nur die Schulter leicht zurücknehmen. Für Frauen brauchen wir das natürlich nicht zu üben – wir Frauen machen ja vorausschauend schon 20 Meter vorher Platz. Puh, ganz schön viel, an das ich denken soll.

Die erste Mutprobe: Bier holen

Meine größte Sorge: Was genau mache ich denn da draußen? Gehe ich als Mann durch? Oder schauen mich Leute komisch an? Es muss doch jeder sehen, dass ich eigentlich eine Frau bin!

Die erste Mutprobe: zu viert holen wir Bier an der Tanke. Kommen rein, bloß nicht zu freundlich. „Jever?“ fragen wir den Mensch hinter der Theke. Er zeigt und wo, wir nehmen das Bier und zahlen. Er hat uns keine zwei Sekunden angesehen. Scheint also funktioniert zu haben. Wir sind sooo erleichtert.

Bitte und Danke unterdrücke ich hartnäckig

Nun habe ich zwei Stunden im Halbdunklen, in denen ich versuche alles Gelernte zu befolgen. Ich schreite forsch durch die Fußgängerzone, frage mehrmals nach dem Weg („Neumarkt?!“) und hole mir bei Burger King einen Burger. Bitte und danke unterdrücke ich hartnäckig. Als ich im Zeitungsladen nach der „Enorm“ frage („Enorm?!“), zeigt die Verkäuferin mir die Zeitschrift und beachtet mich nicht weiter. Ich werde scheinbar als Mann gelesen. Meine Tarnung scheint erstmal gut zu sein.

Lässt Apfelschorle meine Tarnung auffliegen?

Am Abend gehen wir noch was trinken und landen in der erstbesten Schwulenkneipe auf der Schaafenstraße. Wir sind zu fünft. Die nichtalkoholische Getränkebestellung fällt mir schwer, da ich weder Alkohol noch Koffein trinke. Ich bestelle eine Apfelschorle und fürchte, dass meine Tarnung sofort auffliegt. Erst ist die Kneipe aber eh noch leer. Dann füllt sie sich mit einem Junggesellinnenabschied. Die Mädchen lassen uns erst links liegen, dann aber unterhalten wir uns. Sie schauen uns nicht direkt an, aber sie erzählen freimütig wer sie sind und was sie heute alles gemacht haben. Wahrscheinlich halten sie uns für schwul.

Ich wage mich aufs Männer-WC

Als sich meine Blase irgendwann meldet, überlege ich kurz, in welche Tür ich gehe. Nachdem ich die Tür mit dem Männersymbol kurz öffne und mir ein undefinierbarer Geruch entgegensteigt, ist mir meine Männlichkeit spontan egal und ich flüchte mich unbemerkt in die Damentoilette.

Die Bar ist nun so weit gefüllt, dass ich den Atem von irgendwelchen Männern im Nacken spüre. Das ist creepy. Überhaupt ist die ganze Charade anstrengend. Kein Blickkontakt, das unbequeme stille Gepose auf meinem Stuhl, das einsilbige Geschreie um sich zu verständigen, und mein unbeholfener Versuch, meine Apfelschorle irgendwie männlich zu trinken.

„Was macht die Frau mit dem aufgeklebten Bart hier?“

Ich höre den creepy atmenden Mann hinter mir fragt seinen Kumpel fragen, was die Frau mit dem aufgeklebten Bart hier macht. Wir sind gerade am Gehen, und ich wundere mich, wen von uns er meint – und bin dann erleichtert, dass er immerhin die anderen vier von uns nicht als Frauen erkannt hat.

Am zweiten Tag machen wir ein paar Rollenspiele. Ich bin ein prolliger grölender Fußballfan in der Bahn und ein aufdringlicher Hochzeitsfotograf. Ganz wohl fühle ich mich in meinen Rollen nicht, aber es hilft. Ich kenne Jonas nun schon viel besser.

Ich bin der King der Straße: bei Rot über die Ampel

Dann ziehen wir in Zweierteams als Kerle los und haben als Aufgabe zusätzlich, dass wir uns gegenseitig ein Geheimnis entlocken sollen, damit wir miteinander kommunizieren müssen. Wir beschließen, dass Ben und Jonas einer Clique angehören, und versuchen unbeholfen, eine einsilbige Unterhaltung zu führen.
Ich werde als Asi beschimpft, als ich als Einziger bei rot über eine Ampel schlurfe. Hätten sie das auch zu Marie gesagt?

Ups, doch wieder zu freundlich

Das Kommunizieren untereinander ist insgesamt tricky. Nachdem wir auch in dem dritten überteuerten Falafelladen nichts bestellen wollen, haben wir die Verständigung nur durch Blicke super drauf und fahren mit der Bahn in die Südstadt und finden ein Restaurant, das uns beiden gefällt. Wir sind bestimmt zu kommunikativ bei der Bestellung und versuchen, uns am Tisch sitzend möglichst einsilbig über private Dinge zu unterhalten. Als wir unsere leeren Teller an die Theke bringen und uns freundlich verabschieden, schaut das Personal seltsam. Ob sie doch was gemerkt haben?

Erkenntnis 1: Frauen weichen mir aus. Alle.

Am Abend habe ich einige Erkenntnisse für mich gewonnen, die mich überrascht haben.
Zum einen: Frauen weichen mir aus. Alle. Das ist erstmal nur so mittelmäßig überraschend. Interessant ist aber, dass auch manche Männer mir ausweichen – außer Männer über 60. Alle. Die weichen niemandem aus und erwarten, dass ihnen Platz gemacht wird.

Aber was auch überrascht: Zu zweit ist es noch krasser als allein. Eine Gruppe Mädchen macht uns Platz und es fühlt sich an als würden wir das rote Meer teilen. Es fühlt sich falsch an. Ich möchte diesen Frauen eigentlich mit einem Megafon hinterherrufen, dass Männer die Welt nicht für sich gepachtet haben und ihnen sofort den Anmeldelink für den nächsten Dragkingworkshop schicken.

Erkenntnis 2: Ich darf laut sein

Es ist ein ungewohntes Gefühl, ein Wochenende lang unglaublich viel Raum einzunehmen und einfach laut und präsent zu sein. Grölen und Spucken in der Öffentlichkeit, allein einen Vierer in der Bahn besetzen, meinen Körper so ausladend präsentieren wie möglich – all das tut Marie nicht. Ich finde es einerseits unglaublich anstrengend – aber tatsächlich auch sehr befreiend. Eine Erkenntnis, die ich hoffentlich in den Frauenalltag mitnehmen werden.

Erkenntnis 3: Ich bin von Kommunikation ausgeschlossen.

Meine dritte und letzte Erkenntnis überrascht mich sehr. Ich habe nicht damit gerechnet, dass niemand in der Öffentlichkeit mit mir kommuniziert. Niemand schaut mich an, niemand fragt mich nach dem Weg oder der Uhrzeit, niemand nimmt verbal oder mit Blicken Kontakt zu mir auf. Natürlich habe ich als Jonas auch versucht, kein Interesse zu signalisieren, aber denoch bin ich geradezu verblüfft. Ich fühle mich wie in einer unsichtbaren Bubble, die mich von meiner Außenwelt abschirmt und keine Kommunikation zu mir durchdringen lässt. Ich selbst bin quasi unsichtbar. Ich fühle mich aber auch irgendwie ausgeschlossen von all der Kommunikation um mich herum.

Am Ende der Tages frage ich mich: Was hat mir dieser Perspektivwechsel nun gebracht? Zum einen denke ich, dass ein Perspektivwechsel niemals verkehrt ist. Zum anderen wird mir manches nun tatsächlich klarer. Die Selbstverständlichkeit, mit der Männer durch die Welt gehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir Frauen uns daran anpassen. Aber auch die Unterschiede in der Kommunikation.

Last but not least: was ich mir wünsche…

Ich wünsche mir, dass die doch noch sehr starre Einteilung in männlich/weiblich aufhört und das Ganze mehr als ein Spektrum mit verschiedenen Ausprägungen verstanden wird, in dem wir uns frei bewegen können, in dem alles erlaubt ist um in dem es nicht mehr wichtig ist, wie wir in unser Geschlechterrolle gelesen und wahrgenommen werden.

Ich wünsche mir auch, dass Frauen endlich mutiger werden und ihre Präsenz auf der Welt als genauso selbstverständlich ansehen, wie Männer es tun. Und zuletzt wünsche ich mir, dass alle Führungskräfte dieser Welt – Frauen und Männer – einmal diesen Perspektivwechsel vornehmen. Ich vermute, und hoffe, ich säße vielleicht nicht mehr ganz so oft allein in testosteron-gesteuerten Meetings…

Foto: Ra Dragon bei unsplash.com

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