Ein eindringliches Manifesto gegen den Hass

Carolin Emcke, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, ist mit „Gegen den Hass“ sicherlich nicht eine der ersten, die das politische Klima in Deutschland beschreibt, aber mit Sicherheit eine, die dies auf besonders eindringliche Art und Weise tut.

Sie möchte den Hass gegen alle, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, verstehen und seine Ursprünge suchen. „Gegen den Hass“ bietet Erklärungsversuche an.

Heraus aus der Masse

Spannend fand ich den Bogen, den Carolin Emcke schlägt. Nämlich dass wir heraus müssen aus der Masse der Nicht-Individuen hin zu eben diesen Individuen. Wie wichtig es ist, die Geschichten zu erzählen der Geflüchteten, der Trans Menschen, der Feminist*innen, eben alle jener Menschen, die diskriminiert werden und oftmals zu einer gesichtslosen Masse werden.

Dazu möchte ich eine längere Passage zitieren, die ich sehr bezeichnend für dieses Buch finde:

„Der Hass bezieht sich zwar auf diese Menschen, hat sie zum Objekt, aber sie selbst verursachen ihn nicht. So hassen die Blockierer von Clausnitz nicht die Geflüchteten, weil sie so sind, wie sie sind.(…) Auch beim Hass fallen Ursache und Objekt der Emotionen nicht unbedingt zusammen.“ (…)

„Der Hass kommt nicht aus dem Nichts. Nicht in Clausnitz, Freital oder Waldaschaff… nicht in Toulouse, Paris oder Orlando, nicht in Ferguson, Staten Island oder Waller County. Der Hass hat immer einen spezifischen Kontext, in dem es sich erklärt und aus dem er entsteht. (…) Der akute, heiße Hass ist die Folge kühler, länger vorbereiteter oder über Generationen weiter gereichter Praktiken und Überzeugungen. Kollektive Hass- als auch Verachtungsdispositionen kommen ohne die entsprechenden Ideologien, wonach von dem gesellschaftlich Verachteten oder Gehassten ein gesellschaftlicher Schaden, eine Gefahr oder eine Bedrohung ausgehen, nicht aus.“

Wo kommt der Hass her?

„Die Ideologie, die zum Hass in Clausnitz führt, wird nicht allein in Clausnitz gefertigt. Sie wird auch nicht allein in Sachsen gefertigt. Sondern in all jenen Kontexten im Internet, in Diskussionsforen, in Publikationen, in Talkshows, in Musiktexten, in denen Geflüchtete prinzipiell nie als gleichwertige Menschen mit eigener Würde sichtbar werden. Um Hass und Gewalt zu analysieren, muss man diese Diskurse betrachten, in denen jene Muster und Vorlagen gestanzt werden, die sie vorbereiten und rechtfertigen. (Hervorhebung: Maria Kunz)

Was folgt nun daraus?

Wir dürfen Menschen nicht zu Massen machen, müssen beharrlich immer wieder differenzieren, Kontexte genau betrachten, blinde Flecken immer wieder sichtbar machen.

Sehr beeindruckt hat mich, neben der wirklich in den Bann ziehenden Erzählweise mit sehr treffenden sprachlichen Bildern, ein Vergleich, den Carolin Emcke zieht:

Was wäre, wenn eine andere Gruppe als Geflüchtete nur in einem bestimmten Narrativ dargestellt würden? Wenn beispielsweise über Christ*innen nur berichtet würde im Zusammenhang mit Kreuzzügen oder Kindesmissbrauch. Wenn es keine Geschichten gäbe, die diese Menschen im Alltäglichen zeigt, bei der Arbeit, beim Gutes tun? Ein sehr spannendes Gedankenexperiment, das eindrucksvoll zeigt, wie das Narrativ von Hass wirkt.

Ich bin wirklich nachhaltig beeindruckt von diesem Buch.

Foto: Ra Dragon bei unsplash.com

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